Herzsport und Wald – ein Vortrag

Anlässlich der Herzsportwoche der Deutschen Herzstiftung vom 10. bis 17. November.
(Ich bin Herzsporttrainerin beim SV Drehscheibe Pritzwalk.

Wer mich kennt, der befürchtet, dass es jetzt entweder um Qigong, Kräuter oder den Wald geht.

Das ist vollkommen richtig getippt. Es geht um Letzteren. Speziell um den Wald und seinen  Einfluss auf die Gesundheit. Einmal im Allgemeinen und auch im Speziellen bei Herzpatienten.

Natürlich bin ich emotional befangen. Als Tochter eines Försters wurde mir der Wald sozusagen in die Wiege gelegt. Zudem wohne ich noch im Wald und habe außerdem gerade eine Hausarbeit über Qigong im Wald geschrieben.

Diese Hausarbeit, die ich im Rahmen meiner Ausbildung als Qigong-Lehrer angefertigt habe, hat mich zu umfangreichen Recherchen inspiriert. Die will ich hier jetzt nicht alle ausbreiten. Trotzdem möchte ich euch an einigen Gedanken teilhaben lassen.

Warum übt der Wald eigentlich auf viele von uns so eine Faszination aus? (ich bin ja zu Glück nicht allein damit.) Wahrscheinlich liegt das in unserer Kultur begründet. Unsere keltischen und germanischen Vorfahren hatten eine besondere Beziehung zu ihm. Tacitus, der alte Römer (Jener aus dem Lied „Es saßen die alten Germanen..“) schrieb zu seiner Zeit: „Der Tempel der Germanen war der Wald, der heilige Hain.“

Das verlor sich zwar mit der Christianisierung, aber es gab immer Menschen, die dem Wald eine große Bedeutung zumaßen. Die heutzutage oft zitierte Hildegard von Bingen meinte:“ Die ganze Natur stehe dem Menschen zu Diensten. Zum Heil seines Leibes und seiner Seele ist sie bestimmt.“

Beginnen wir einmal mit Teil 2 dieses Ausspruchs. Das Heil der Seele.
Wer ernsthaft krank wird, z.B. einen Herzinfarkt erleidet, der kann die Welt oft nicht mehr verstehen. Plötzlich wird man herausgerissen aus dem gewohnten Alltag. Fragen tauchen auf: Warum ich? Warum passiert das mir? Nicht wenige, die beim Herzsport auftauchen haben auf ihrer Verschreibung neben den anderen  pathologischen  Angaben auch die Diagnose Depression zu stehen.

Die Wirkung eines längeren Waldspazierganges ist unumstritten. Egal ob gesund oder krank. Die frische Luft und das angenehme Grün machen „Herz und Seele weit“. Nun könnte man damit Argumentieren, dass das Emotionen sind, die sich nicht „messen lassen“ Sicher gibt es auch noch den einen oder anderen, der sich im Wald nicht wohlfühlt, weil er keine (so enge) Beziehung dazu hat. Da spielen die Ängste vor Mücken, Zecken und inzwischen sogar Wölfen eine Rolle. Ich will diese Bedenken nicht als gegenstandslos abtun. (Allerdings sollte ihnen nicht zu viel Raum eingeräumt werden.)

Wie dem auch sei, emotionale Argumente zählen in unserer rationalen Welt nicht viel. Dr. med. Bernd Rieger (nicht zu verwechseln mit unserem verstorbenen Dr. Rieger aus Pritzwalk!) schreibt in seinem Buch „Herzgesundheit“  folgendes: „Herzschwäche bewirkt einen Sauerstoff-Mangel im ganzen Körper.“ Nun frage ich: Wo ist der Sauerstoff-Gehalt in der Luft wohl am Größten? Wir alle erinnern uns an die endlosen Biologie-Stunden in denen man uns mit dem Querschnitt des Blattes gequält hat. Wenn wir davon auch fast alles vergessen haben, so ist doch eines „hängen geblieben“.  Blätter produzieren Sauerstoff. Und wo sind die meisten Blätter. An den Bäumen im Wald.

In den letzten Jahren hat sich eine Reihe von Autoren mit dem Thema Gesundheit und Wald beschäftigt. Dazu gehören Wolf-Dieter Storl, Erwin Thoma, Peter Wohlleben und Clemens G. Arvay. Mal haben sie sich diesem Zusammenhang   emotional und mal wissenschaftlich beschrieben.

Der Österreicher Arvay hat in seinem Buch „Der Heilungscode aus der Natur“ ein ganzes Kapitel mit der Überschrift „Herzschutz aus der Natur“ verfasst. Es geht dabei um DEHA. Das ist die Abkürzung für De-hydro-epi-andro-steron. Dieses Hormon hat u.a. eine entscheidende Wirkung auf die Blutgefäße und das Herz.

Ich ziehe an dieser Stelle eine Zwischenbilanz: Die Herzschutzsubstanz DEHA aus der Nebennierenrinde wird bei Spaziergängen durch den Wald vermehrt produziert, nicht aber bei Spaziergängen in der Stadt. Das Hormon wirkt jenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen entgegen, die besonders in Industriegesellschaften auftreten und als „Zivilisationskrankheiten“ bezeichnet werden. Somit ergeben sich wieder einmal die Fragen, die ich in einem früheren Kapitel bereits gestellt habe: Kann es sein, dass nicht nur ungesunde industrielle Nahrung, mangelnde Bewegung sowie schädliche Umwelteinflüsse eine Rolle bei der Entstehung dieser Krankheiten spielen? Wäre es möglich, dass auch die Naturentfremdung selbst dazu beiträgt, weil wir uns dadurch von Substanzen und Reizen aus der Natur entfernen, die uns gesund erhalten? Wir werden durch das moderne  Leben aus dem Funktionskreis mit der Natur herausgerissen. Es ist naheliegend, dass die Trennung von der Natur eine zentrale Rolle spielt, wenn es um die Entstehung der genannten Erkrankungen geht.

Denken Sie an die Wirkung der Baum-terpene im Wald auf unser Immunsystem. Ich habe an früherer Stelle dieses Buches einen Perspektivenwechsel vorgeschlagen: Wir haben im Wald nicht mehr von den natürlichen Killerzellen und den Anti-Krebs-Proteinen im Blut als „normalerweise“, sondern wir haben im Alltagsleben des Industriezeitalters weniger von diesen gesundheitsschützenden Substanzen im Blut als unter normalen Bedingungen. Denselben Perspektivenwechsel sollten wir bei DHEA ins Auge fassen. Das Stadtleben und die modernen Lebenswelten führen dazu, dass unser Körper weniger Herzschutzsubstanzen produziert und diese im Laufe des Lebens schneller abnehmen, als es dem Homo sapiens in einem natürlichen Lebensraum entspräche. (Quelle: Clemens G. Arvay, Der Heilungscode der Natur)

Weiterhin führt der Autor auch Betrachtungen zum Sympathikus, dem Nerv der Aktivität an. Er leidet bei den meisten Menschen in einer modernen Gesellschaft unter Reizüberflutung. „Verengte Blutgefäße, beschleunigter Herzschlag und erhöhter Blutdruck treten auf, wenn der Nerv der Erregung aktiv ist. Dieselben Phänomene, die dieser auslöst, führen auch zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, koronarer Herzkrankheit und Herzinfarkt.“ (Quelle: Clemens G. Arvay, Der Heilungscode der Natur)

Als Gegenspieler dazu tritt der Parasympathikus auf. Stärkt man ihn, dann vermindert sich die Aktivität des Sympathikus. „Wissenschaftler an der Universität Chiba in Japan und an der Chungnam-National-Universität in Koreawiesen in Feldstudien nach, dass der Aufenthalt in der Natur den Nerv der Ruhe deutlich messbar in Gang setzt.“ (Quelle: Clemens G. Arvay, Der Heilungscode der Natur)

Natürlich ist der Wald kein Allheilmittel. Das spricht auch der Autor Arvay deutlich aus. Ich will daher der modernen Medizin keineswegs die Daseinsberechtigung absprechen. Viele Herzpatienten hätte ohne einen erfolgreichen Eingriff ihre Krankheit nicht überlebt. Das bleibt unbestritten.

Ein Aufenthalt in der Natur kann aber die modernen Behandlungsmethoden unterstützen und Heilprozesse beschleunigen.

Damit können unter anderem solche Faktoren beeinflusst werden wie:

  • Senkung des Blutdrucks (am Beispiel der eigenen Herzsportgruppe erlebt!)
  • Senkung des Blutzuckerspiegels bei Diabetes Typ II
  • Stärkung der Abwehrzellen gegen Krebs und Infektionen (wissenschaftliche Untersuchungen untermauern Studien, dass die Anti-Krebs-Proteine durch den Aufenthalt im Wald zunehmen siehe Clemens G. Arvay, Der Heilungscode der Natur)
  • Minderung von Verdauungsbeschwerden und Schlafstörungen
  • Zurückfahren der Stresshormone
  • Förderung der Kreativität (mir kommen die besten Ideen beim Waldspaziergang mit Hund)
  • Linderung psychischer Beschwerden wie:
    • Angst- und Panikstörungen
    • Depression
    • Burnout und chronische Stressbewältigung
    • Starke Erschöpfungszustände

Weitere Beispiele und fundierte Nachweise findet man in den Büchern von Clemens G. Arvay „Der Heilungscode der Natur“ und „Der Biophilia-Effekt“.

Wer es etwas emotionaler mag, der liest bei Peter Wohlleben im Buch „Das geheime Leben der Bäume“ nach. Ich für meinen Teil bin gefühlsmäßig genug unterwegs, wenn es um den Wald geht. Daher bevorzuge ich zur Argumentation den Österreicher Arvay.

Für uns, die wir uns mit dem Herzsport beschäftigen, stellt sich nun die Frage. Was bringen uns diese Erkenntnisse? Wie können wir aktiv zur Gesunderhaltung oder gar zur Verbesserung unserer Teilnehmer beitragen?

Ein wichtiger Passus ist und bleibt der Sport in der Herzgruppe. Bewegung, Aktivierung und gemeinsamer Spaß sind ein Pfund, mit dem wir unbedingt weiter wuchern müssen.

Wenn wir den Sport nun aber mit dem Aufenthalt im Wald kombinieren könnten? So würden wir einen Synergie-Effekt erreichen. Das bedeutet, grob gesagt, dass das Ganze mehr als nur die einfach Summe seiner Teile ist.

Meine Vorstellung ist es, das wir die Möglichkeit erwägen und schaffen, unsere Aktivitäten im Sommer (bei entsprechendem Wetter) in den Wald zu verlagern. Immerhin hätten wir einen kostenlosen Mitarbeiter für diese Idee garantiert an unserer Seite:

Doktor Wald

Wenn ich an Kopfweh leide und Neurosen,
mich unverstanden fühle und auch alt,
wenn mich die holden Musen nicht liebkosen,
dann konsultiere ich den Dr. Wald.

Er ist mein Augenarzt und mein Psychiater,
mein Orthopäde und mein Internist.
Er hilft mir sicher über jeden Kater,
egal ob er aus Kummer oder Kognak ist.

Er hält nicht viel von Pülverchen und Pillen,
doch um so mehr von Luft und Sonnenschein.
Und kaum umfängt mich seine duft`ge Stille,
raunt er mir zu : “ Nun atme mal tief ein !“

Ist seine Praxis auch sehr überlaufen,
in seiner Obhut läuft man sich gesund,
und Kreislaufschwache, die noch heute schnaufen,
sind morgen ohne klinischen Befund.

Er bringt uns immer wieder auf die Beine,
und unsere Seelen stets ins Gleichgewicht,
verhindert Fettansatz und Gallensteine –
bloß Hausbesuche macht er leider nicht.

Förster Helmut Dagenbach

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